Ohne Grenzwerte geht es nicht
Um die Gesundheit zu schützen, müssen auch für das Düngen mit Gärstoffen aus Biogasanlagen Regeln gelten
Frank Jung
Nein, es geht nicht um pauschale Bauern-Schelte.
Es geht um den Schutz der Gesundheit aller, der von Landwirten
eingeschlossen. Narrenfreiheit beim Düngen mit Gärresten aus
Biogasanlagen darf es angesichts der inzwischen gewaltigen Mengen nicht
mehr geben. Sonst wird es nie etwas mit einer niedrigeren
Nitratbelastung des Grundwassers. Die ist aber erforderlich, um
langfristig Belastungen des Trinkwassers auszuschließen. Zu viel
Stickstoff darin behindert die Schilddrüse und steht im Verdacht, Krebs
zu erregen.
Deshalb ist das Ausbringen von Gülle aus tierischen Ausscheidungen
schließlich auch gesetzlich begrenzt. Dass dies für das Düngen mit
ebenso nitrathaltigen Gärrückständen pflanzlicher Herkunft jedoch nicht
gilt, ist widersinnig und allein historischen Gründen geschuldet: Als
die Düngeverordnung zuletzt 2005 geändert wurde, gab es längst nicht so
viele Biogaserzeuger wie heute. Geradezu absurd mutet die Regelungslücke
angesichts des Gülle-Bonus’ ein, mit dem seit 2009 der Bau von Biogasanlagen nochmal zusätzlich gefördert wird: Wer sich verpflichtet, in seinem Öko-Kraftwerk mindestens 30 Prozent Gülle zu verwenden – damit davon weniger auf dem Acker landet – erhält einen Extra-Zuschuss.
Verkehrte Welt: Wenn dann aber am Ende umso mehr Stickstoff aus
Gärsubstrat in unbegrenzter Menge ausgebracht werden darf – dann hat der
Gülle-Bonus das Gegenteil seines Zwecks
erreicht. So schädigt die Energiewende die Ökologie. Der Umwelt ist es
egal, woher das Zuviel an Stickstoff kommt.
Dass ein EU-Bericht erst vor wenigen Tagen Deutschland mit Malta die ungünstigsten Nitrat-Werte im Grundwasser in ganz Europa bescheinigt hat, sollte Anlass genug für eine Kehrtwende sein. Gerade für Schleswig-Holstein
ist es ein besonderes Anliegen. Außer in Niedersachsen ballen sich
deutschlandweit nirgends so gigantische Mengen an Gülle und Gärresten.
Wie man mit überschüssigen Gärrückständen umgeht, wird der
Landwirtschaft im Norden neue Konzepte abverlangen. Unweigerlich wird
dies für Betreiber von Biogasanlagen mit einem Organisations- und
Kostenaufwand einhergehen. Als Gegenleistung zu der sehr großzügigen
Förderung durch das Erneuerbare-Energien-Gesetz erscheint das aber als zumutbar.