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Irina

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Beiträge: 4038


New PostErstellt: 08.02.08, 11:46     Betreff: Re: Nevio

Hier wieder ein neuer Diary-Eintrag:

Mann

Neulich als ich irgendwann am späten Abend auf dem Heimweg nach einem langen Studiotag war, kam mir ein älterer Mann auf der Straße entgegen. Er hielt mich an und fragte, ob ich ihm ein wenig Geld geben könne, er lebe nämlich auf der Straße und hätte heute noch nichts gegessen. Während ich in meiner Tasche kramte um ein paar Euro zu finden, murmelte er, dass es zur Zeit verdammt kalt sei in Berlin und dass er sich nie hätte vorstellen können – als er in meinem Alter gewesen sei – ohne ein wahres Zuhause leben zu müssen. Während ich ihm ein paar Euro in die Hand drückte, fragte ich, wie es dazu kommen konnte und so vertieften wir uns in ein (zunächst) kurzes Gespräch. Es stellte sich heraus, dass er wohl früher Lehrer gewesen sei, seine Frau und sein Kind ganz plötzlich in jungen Jahren durch einen Schicksalsschlag verloren hätte und dann in ein abgrundtiefes Loch gefallen sei, was ihn letztendlich auch seinen Beruf gekostet hätte. Damals, mit kaum 30 Jahren, war er einfach nicht mehr in der Lage zu arbeiten und Kindern in der Schule das Leben „beizubringen", welches ihm nun selbst so ungeahnt plötzlich genommen wurde. Und so verlor er dann auch seine Wohnung, seine Freunde und sein Glück.
Ohne unbedingt herausfinden zu wollen, ob sein Reden der Wahrheit entsprach, berührte mich das was er sagte und lud ihn spontan auf einen Kaffee im gegenüberliegenden ‚Spätkauf' ein. Zuerst wollte er mein Angebot nicht annehmen, aber nach kurzer Diskussion willigte er ein. Auf dem Weg über die Straße zum Laden fragte er mich, was mein Beruf sei und ich antwortete ihm flüchtig, dass ich Musiker sei.
So unterhielten wir uns bestimmt mehr als eine Stunde, tranken Kaffee und aßen Käsebrötchen.
Von seiner interessanten und bewegten Geschichte will mir bis heute ein winziges Detail nicht mehr aus dem Kopf gehen. Er erzählte mir, dass er seit fast zehn Jahren immer am selben Ort, einem nahe gelegenen Park, regelmäßig unter freiem Sternenhimmel – so nannte er es, ich kann mich noch genau erinnern - schliefe. Aus seiner Wohnung, in der er damals mit seiner Familie lebte, und seinem alten Leben konnte er zwei Dinge retten: Seinen Ehering und einen alten mit Batterien betriebenen Kassettenrekorder, den er seither ständig bei sich trage. Er erwähnte und wirkte dabei irgendwie stolz, dass er für diesen Rekorder zwei alte Kassetten besäße, die er sich jeden Abend - immer abwechselnd - vor dem Schlafengehen anhöre. Er meinte, dass es für ihn der einzige Weg sei, die grausame Erinnerung und die Kälte um ihn herum zu verdrängen. So sagte er.
Und er würde es schaffen, immer mit einem Lächeln einzuschlafen, da ihn seine Lieblingsmusik in den Schlaf wiege.
Das sagte er auch noch.
Ich schenkte ihm noch ein Päckchen Batterien, wir verabschiedeten uns und jeder ging seinen Weg.

Der Mann wird mich längst vergessen haben.
Ich werde diesen Mann nie vergessen.

Das ist die Kraft der Musik.
Und der Mann ist Poesie.



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